Ist Kreativität lernbar?

written by Johannes
10 · 04 · 12

Ich gebe es zu: Ich bin ein Fan von Prof. Manfred Spitzer, Hirnforscher und Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm. Sein Vortrag „Ist Kreativität lernbar? Erkenntnisse aus der Hirnforschung“ auf dem Kommunikationskongress in Berlin am 28. September war also eher Vergnügen als Pflicht. Der Professor bescherte seinen Zuhörern wieder jede Menge neue Erkenntnisse über die Art und Weise wie der Mensch lernt und natürlich über das Gehirn. Zum Beispiel, dass der Mandelkern uns dazu bringt, ganz eng auf eine Sache zu fokussieren, wenn wir Angst haben.

Wussten Sie, dass die Farbe Rot uns hemmt, während uns Blau inspiriert? Rot, so Spitzer, stehe für den Rotstift, für Stoppschilder, für Gefahr. Blau sei der Himmel, das Meer, Dinge, die wir mit Ruhe und Entspannung verbinden. Letztlich führe das dazu, dass man in Texten auf einem roten Hintergrund mehr Fehler entdecke als in Texten auf einem blauen Hintergrund. Blau sei dagegen gut für die Kreativität. Es falle uns leichter, Wissen und Erfahrungen neu zu verbinden.

Prof. Manfred Spitzer

Macht Google dumm?

Das sagte Spitzer in Anspielung auf sein umstrittenes Buch „Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“. Das Gehirn verfüge über 100 Billionen (=1014) Synapsen. Man könne heute nachweisen, dass sie sich ändern, wenn sie benutzt werden. Jede neue Erfahrung hinterlässt eine Spur im Gehirn. „Wenn Kinder also nur googeln, aber keine eigenen Fähigkeiten erwerben“, so der Professor, „lernt das Gehirn nicht.“ Schließlich gehe es darum, eigene Fähigkeiten und Erfahrungen aufzubauen, zu verbinden und so zu eigenen Erkenntnissen zu gelangen. Genau das sei auch das Wesen der Kreativität – vorhandenes Wissen neu zu vernetzen.

Unser Gehirn lernt gern

Wer sich von Kindesbeinen an nur auf Google verlasse, verurteile sein Gehirn zur Untätigkeit. „Google braucht Vorwissen. Nur dann ist es sinnvoll“, sagte Spitzer und empfahl, in der Schule auf Google zu verzichten. Außerdem würde man sich, wenn man auf Lernen verzichte, um Glücksgefühle bringen, denn lernen mache unserem Gehirn Spaß, so eine weitere Erkenntnis aus der Hirnforschung. Glück und lernen würden eng zusammenhängen. Außerdem: „Wir denken besser, wenn wir uns gleichzeitig bewegen“, so Spitzer, „weil wir dabei begriffliches Denken und Handeln verbinden.“ Deshalb sei es auch völliger Unsinn, wenn wir als Erwachsene nur sitzen würden. Das fördere die Kreativität nicht besonders. Gute Ideen habe man deshalb oft nicht im Büro, sondern zum Beispiel beim Joggen oder Wandern. Für Kinder sei bewegungsloses Sitzen vor dem PC ganz schlecht, nicht nur für die Gesundheit, sondern auch für das Gehirn. „Ein Drittel unserer Wahrnehmung geschieht über sehen, ein Drittel über Bewegung und für den ganzen Rest ist das letzte Drittel da.

Booboo und Kiki

Um zu illustrieren, wie Erfahrungen in unserem Gehirn abgelegt und verarbeitet werden, zeigte Spitzer den Kongressteilnehmern zwei Zeichnungen. Auf einer war ein rundliches Objekt zu sehen, auf der anderen eines mit Spitzen, Ecken und Kanten. Dazu gab es die Namen Booboo und Kiki. „Welcher Name gehört zu welchem Objekt?“ fragte Spitzer seine Zuhörer. Die Antwort war eindeutig: Booboo rund, Kiki spitz. Die Antwort war zwar richtig, aber die Annahme, dass es an den korrespondierenden Formen von Objekt und Lauten liege, erwies sich als falsch. Der Grund dass auf der ganzen Welt dieselbe Antwort kommt, unabhängig von Sprache und Kultur, liegt laut Spitzer in der Physik der Objekte, am Ton, wenn man draufhaue. Das sei „Weltwissen“.

Johannes

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